Die Zeichnerin des Rider-Waite-Tarot, Pamela Colman Smith (1878 - 1951), deren Idee, die kleinen Arkana  ebenfalls bildlich darzustellen das RW-Tarot  zu den  am weitesten verbreiteten Tarotdecks werden lies, wurde bei der Namensgebung des Decks nicht berücksichtigt.
Aus diesem Grunde soll ihr hier eine eigene Seite gewidmet sein.


 
Am 16. Februar 1878 kam Corinne Pamela Colman Smith in London zur Welt, Tochter der Eheleute Corinne Colman und Charles Smith, beide amerikanische Staatsbürger.
Sie sollte ihr einziges Kind bleiben.
Schon früh kam Pamela mit dem Theater und der Kunstszene in Berührung, denn beide Eltern waren begeisterte  Theateranhänger.
Ihr Vater war mit dem berühmten Schauspieler William Gillette, dem ersten Darsteller des Sherlock Holmes verwandt; in der Familie ihrer Mutter gab es einige bekannte Maler.

Die ersten zehn Jahre ihres Lebens verbrachte Pamela in Manchester, wo ihr Vater eine Polsterfabrik betrieb.
Manchester war damals ein Zentrum des Spiritualismus und es ist anzunehmen, dass die kleine Pamela schon früh damit in Berührung gekommen ist, denn ihre Mutter stand dieser Szene recht nahe.

1889 zog die Familie nach Jamaika, dort war  ihr Vater im Eisenbahnbau tätig .
1893 zog Pamela mit ihrem Vater nach New York, sie  besuchte  das Pratt Insitute in Brooklyn, eine der führenden privaten Kunstschulen in den USA. Dort war sie Schülerin von Arthur Wesley Dow,  amerikanischer Maler und Kunsterzieher, der für die damalige Zeit einige ungewöhnliche Ansichten vertrat.
Er war der Überzeugung, Bilder dürften nicht nur einfach das wiedergeben, was der Maler sieht, sondern sollten vielmehr - wie Musik - eine Komposition der verschiedensten Eindrücke sein, die mit Hilfe von Farben und Formen auf die Leinwand gebracht werden.

Er lehrte von der spirituellen Seite der Kunst, vom Hören der Farben, Sehen des Klangs und Riechen der Musik.
Sein Einfluss sollte sich in Pamelas Bildern Zeit ihres Lebens bemerkbar machen.

1896 starb Pamelas Mutter.  Pamela besuchte den Unterricht am Pratt Institute nicht regelmäßig weil sie  häufig krank war und so verließ sie die Schule  1897 ohne Abschluss.

Im selben Jahr wurden Bilder von ihr zum ersten Mal in der William Macbeth's Gallery ausgestellt. Dort verkaufte sie vier Bilder.
1899 schien Pamelas erfolgreichstes Jahr zu werden.
Sie veröffentlichte drei eigene Bücher und illustrierte ein viertes mit ihren Bildern und sie ging mit der Lyceum Company, dem Ensemble des berühmten Londoner Lyceum Theaters auf Tournee.

Dann starb im Dezember 1899 ihr Vater, und sie war, im Alter von 21 Jahren, ohne weitere nahen Verwandten, plötzlich auf sich gestellt.
Pamela blieb  bei der Lyceum Company, kehrte mit ihr nach England zurück und schloss sich eng an Ellen Terry an, die ebenfalls zum Ensemble gehörte und die höchst bezahlte Schauspielerin der damaligen Zeit war. 
Eine zeitlang lebte Pamela sogar bei ihr und mit Terry's Tochter Edith Craig schloss sie eine lebenslange Freundschaft.
Ellen Terry (1847 - 1928) war nicht die einzige Berühmtheit des Lyceum Theaters. Henry Irving (1838 - 1905) war der bedeutenste Shakespeare-Darsteller seiner Zeit und der erste Schauspieler, der in den Adelsstand erhoben wurde.
Er war Mitglied in dem bis heute bestehenden berühmten Garrick-Club, zu dessen Mitgliedern u.a. auch Charles Dickens (Oliver Twist, David Copperfield) und William Makepeace Thackeray (Jahrmarkt der Eitelkeiten) gehörten.
Manager des Lyceum Theaters war ein gewisser Bram Stoker (1847 - 1912), dessen Dracula bis heute zu den meist gelesenen Büchern gehört.
Sein Roman "Lair of the White Worm" wurde von Pamela Colman Smith illustriert.

In dieser illustren Gesellschaft schien Pamela's Karriere eigentlich vorbestimmt.
Sie hatte sich als Schriftstellerin und Künstlerin einen gewissen Namen gemacht und bewegte sich in der Kunstszene und den literarischen Zirkeln Londons.
In London traf sie auch auf den Dichter William Butler Yeats und 1903 illustrierte sie einige seiner Arbeiten.
Yeats war es dann auch, der sie in den Hermetic Order of the Golden Dawn (Hermetischen Orden der Goldenen Morgendämmerung) einführte.

Pamela gehörte zu den Menschen, die man heute als Synästhetiker bezeichnet.

Unter Synästhesie  versteht man  die Kopplung zweier physikalisch getrennter Domänen der Wahrnehmung, etwa Klang und Farbe, oder Farbe und Temperatur.
Man kann es als Wahrnehmung von
Sinnesreizen durch Miterregung eines anderen Sinnesorgans bezeichnen.

Pamela verfügte also über eine Fähigkeit, mit der sie sich von anderen unterschied.
Hinzu kam ihre künstlerische Begabung - eigentlich kein Wunder, dass Arthur Edward Waite sich Jahre später für die Verwirklichung seines Tarots an Pamela wandte.

Als der Golden Dawn 1903 auseinanderbrach und Waite den ursprünglichen Isis-Urania-Tempel als Oberhaupt übernahm, folgte ihm Pamela zusammen mit vielen weiteren Mitgliedern des Ordens. Im selben Jahr wurden ihre Bilder in der John Baillie's Gallery in London ausgestellt.
1904 entwarft sie zusammen mit Edith Craig das Bühnenbild für Yeats' Stück:
"Where There is Nothing".
1905 kehrte Pamela in die USA zurück.
Dort wandte sie sich Ende 1906 an den berühmten Fotografen Alfred Stieglitz, der 1902 in New York seine erste Galerie eröffnete und sich als Kunst-Mäzen einen Namen gemacht hatte.
Pamela hatte Glück, Stieglitz war von ihren Bildern beeindruckt. Hinzu kam, dass er zu diesem Zeitpunkt  eine geplante Rodin-Ausstellung nicht verwirklichen konnte und und deshalb gern bereit war, Pamelas Bilder auszustellen.
Die Ausstellung war erfolgreich und Pamela konnte mehrere Bilder verkaufen.
Noch zwei  Mal, 1908 und 1909, wurden ihre Bilder in Stieglitz' Galerie ausgestellt, doch der Erfolg der ersten Ausstellung wiederholt sich leider nicht.
Pamela kehrt nach England zurück.
Irgendwann in dieser Zeit muss sie ihr berühmtestes Werk, die Bilder für die Karten des später Rider-Waite genannten Tarots, begonnen haben, denn sie schrieb im November 1909 einen Brief an Stieglitz, in dem sie mitteilte, dass sie die Arbeit an 80 Bildern für ein Tarotdeck fertiggestellt, dafür aber sehr wenig Geld bekommen hatte.

Sie ließ durchblicken, dass sie Geld brauchte und bot Stieglitz die Original-Tarotbilder an, damit er sie über seine Galerie verkaufe.
Doch Stieglitz scheint nicht reagiert zu haben.
Auffällig ist, dass Pamela hier von 80 Bildern sprach, ein Tarotdeck besteht aber nur aus 78 Karten. Es ist bis heute rätselhaft geblieben, um was für Bilder es sich bei den zwei Überzähligen handelte.

Stuart R. Kaplan bemerkt in seiner Tarot-Enzykolpädie, dass Tarotkarten immer in einem Bogen von 80 Karten für den Druck ausgelegt werden und dass es sich daher bei den beiden zusätzlichen Bildern um eine Deckkarte und eine Karte mit Hinweisen auf weitere Produkte des Verlegers, wie sie ja auch heute den Tarotdecks häufig beiliegen, gehandelt haben könne.

Pamela schrieb aber  von Bildern, die sie gemalt hat.
Eine Produktinformationskarte des Verlegers ist  kein Bild, bestenfalls bei der Deckkarte könnte es sich um ein zusätzliches Bild handeln.
Möglicherweise haben aber auch von zwei Karten des Rider Waite Tarots ursprünglich alternative Versionen existiert, wie es ja z.B. auch beim Crowley Tarot der Fall ist.
Das Tarotdeck wird im Dezember 1909 vom Verlag Rider & Sohn als "Tarot Deck" ohne einen speziellen Namen veröffentlicht.
Damals war es ganz einfach nicht üblich, den Namen des Künstlers anzugeben oder diesen an den Einnahmen in Form von Tantiemen zu beteiligen.
Lediglich in einigen Werbeanzeigen wird Pamela namentlich erwähnt.
Der Künstler machte seine Arbeit, bekam dafür ein Honorar - und das war's.
Später wurde dieser Tarot als "Rider Waite Tarot" bezeichnet, nach dem Namen des Verlegers und des Autors.

Es herrscht heute Uneinigkeit darüber, ob Pamela Colman Smith die Karten ausschließlich nach Waite's Anweisungen malte, oder ob Waite nur die Art der Darstellungen umrissen, ihr aber ansonsten weitgehend freie Hand gelassen hat - in dem Film, den ich eingangs  erwähnte, hatte sie freie Handhabung, da die kleine Arkana Waite eher untinteressant erschien.
Als Mitglied des Golden Dawn dürfte Pamela über die Tarotlehre des Ordens und die Bedeutung der Kartensymbole in etwa so gut informiert gewesen sein, wie Waite selbst.
Die Tatsache, dass sie jede Karte, bis auf den Narren, mit ihren Initialen signiert hat, wird  so gedeutet, dass der Narr die einzige Karte ist, bei dessen Darstellung sich Waite und Colman Smith uneinig waren.
Pamela soll sich zudem bei der Darstellung der Zahlenkarten der Kleinen Arkana von dem historischen Sola Busca Deck inspiriert haben lassen.
Der Sola Busca Tarot aus dem späten 15. Jahrhundert war der bis dahin einzige Tarot, bei dem alle Karten voll bebildert waren.
Pamela Colman Smith's Tarot war der erste, der diese Besonderheit aufgriff und damit eine Tarottradition geschaffen hat, die heute als Standard gilt.

In den folgenden Jahren lebte  Pamela von verschiedenen Aufträgen, das waren hauptsächlich Buchillustrationen.
1911 wurde sie von Edith Craig zu den von ihr gegründeten Pioneer Players geholt.


Im selben Jahr trat sie zum Katholizismus über, was nahe legt, dass sie aus dem Isis-Urania-Tempel ausgetreten ist.
Während des ersten Weltkriegs engagierte sie sich für Wohltätigkeitsorganisationen.
1918 starb einer von Pamelas Onkeln und vermachte ihr etwas Geld.
Sie pachtete ein Haus in der Künstlerkolonie The Lizard in Parc Garland, Cornwall. Dort unterhielt sie eine Weile ein Ferienheim für katholische Priester, gab dieses Unternehmen aber bald wieder auf.
In Cornwall herrschten die Methodisten vor. Pamelas offen gelebter katholischer Glaube scheint sie mit der Zeit mehr und mehr von ihren Mitbürgern isoliert zu haben.
Sie fuhr fort zu malen, Bücher zu illustrieren und zu schreiben, hatte aber nur mäßigen Erfolg.
Zwar wurde ihre Arbeit von Experten immer wieder lobend erwähnt, doch der große Erfolg blieb leider aus.
Dazu dürfte allerdings auch beigetragen haben, dass sie, wie aus ihrem Bekanntenkreis immer wieder verlautete, überhaupt keinen Geschäftssinn besaß.
Obwohl sie unter der mangelnden Anerkennung und dem damit verbundenen ständigen Geldmangel litt, soll sie nie ihren Humor und ihre Liebenswürdigkeit verloren und nie aufgehört haben, an sich selbst zu glauben.


Sie hat nicht geheiratet, blieb aber immer mit der Familie ihrer Freundin Edith Craig, der Tochter von Ellen Terry, verbunden.
Irgendwann, vermutlich in den 30iger Jahren, zog Nora Lake, eine weitere Freundin bei Pamela in das Haus in Parc Garland ein.
Die beiden blieben bis zu Pamelas Tod zusammen. Spätestens 1942 sind sie aber von Parc Garland nach Bude, ebenfalls in Cornwall, umgezogen.
In den letzten Jahren ihres Lebens war Pamela oft bettlegrich, vermutlich litt sie unter Herzproblemen, doch soll sie sich nie beklagt haben.
Ihre Inspiration bezog sie  aus Märchen, Legenden, Mythen und ganz besonders aus der Musik. Sie sammelte Zeit ihres Lebens  symbolische Bilder.

"Pixie", wie Pamela Colman Smith in ihrer Jugend von Ellen Terry liebevoll genannt wurde, starb am 18. September 1951 verarmt und verschuldet in Bude, Cornwall.

Ihre wenige Habe vermachte sie Nora Lake. Die meisten ihrer Bilder sind heute verschwunden, darunter auch die Originale des Rider Waite Tarots.
Einige wenige Bilder befinden sich im Besitz von Stuart R. Kaplan.

 

Quellenangaben:
Stuart R. Kaplan, The Encyclopedia of Tarot, Vol. III
Holly Voley, Biography, based upon Melinda Boyd Parsons, Biography of Pamela Colman Smith

 

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