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  Die Karte Kraft hat eine gewisse Verwandtschaft mit der Karte des Magiers (I). Ähnlich wie dort beruht auch hier die außerordentliche Stärke auf dem Geheimnis einer tiefen inneren Harmonie. Ist die große Einflusskraft des Magiers im harmonischen Einklang von bewussten und unbewussten Kräften begründet, so sind die Lebenskraft, der Mut und die Leidenschaft dieser Karte Ausdruck der Versöhnung des zivilisierten Menschen mit seiner animalischen Natur. Gleich den Märchen in denen ausnahmslos jeder scheitert, der das hilfreiche Tier verletzt oder tötet, macht diese Karte deutlich, dass es nicht das Ziel sein kann, unsere Instinktnatur abzuwürgen, um den Verstand zum uneingeschänkten Herrscher zu machen. Vielmehr gilt es, den in uns lebenden, teils furchterregenden archaischen Kräften offen zu begegnen, um sie durch liebevolle Annahme und sanfte Gewalt allmählich zu zähmen. Auf diese Weise stehen uns nicht nur diese Urkräfte zur Verfügung, sondern auch alle Kraftreserven, die wir bislang verbraucht haben, um diese Instinkte zu unterdrücken.
   Der Gehängte bedeutet bei vordergründiger Betrachtung, dass wir festsitzen und in der Klemme stecken. Bei tiefgreifenden Fragen und hintergründiger Betrachtung jedoch liegt in der äußeren Unbeweglichkeit dieser erzwungenen Ruhe sowohl Notwendigkeit wie Gelegenheit, durch tiefgründiges Erfassen zu gewandelter Weltsicht und zu einer Lebensumkehr zu gelangen. Die Passivität, zu der wir in solchen Phasen verurteilt sind, wird am besten am Bild einer Krankheit deutlich, die in der Tat auch oft durch diese Karte angezeigt wird. Zu dem vom Gehängten ausgedrückten Erleben sagt C.G.Jung: »Hängenbleiben kann (...) sogar ein positiv zu bewertendes "hanging on" sein, welches zwar einerseits eine scheinbar unüberwindliche Schwierigkeit bedeutet, andererseits aber eben deshalb jene einzigartige Situation darstellt, welche die größte Anstrengung erfordert und darum den ganzen Menschen auf den Plan ruft.
   Der Tod bedeutet den Abschied, das große Loslassen, das Ende. Damit ist er wohl der Wegbereiter für das Neue, das Kommende; die Karte selbst jedoch stellt uns zunächst das Ende vor Augen. Dabei kann es gut sein, dass es sich um ein von uns lang ersehntes, befreiendes Ende handelt, aber selbstverständlich machen wir mit dem Thema dieser Karte auch unsere schmerzhaftesten Erfahrungen. Im Gegensatz zur 10 der Schwerter, die das willkürliche und damit auch vorzeitige Ende anzeigt, steht diese Karte immer für das natürliche Ende und dafür, dass sich etwas tot gelaufen hat, dass es an der Zeit ist, etwas loszulassen. Zu unrecht gehört der Tod zu den gefürchtetsten Karten. Schönfärber, die ihn nicht verstehen, deuten ihn nur als den Künder des Neuen und übersehen dabei das tiefe Erleben des Abschieds und die damit verbundenen lebensbejahenden Erfahrungen. »Wir haben das Leben vom Sterben getrennt, und das Intervall zwischen beiden ist Furcht.« sagt Krishnamurti und »Sie können nicht leben, ohne zu sterben.
   Die Bedeutung der Karte Mäßigkeit wird verständlicher, wenn wir sie das rechte Maß nennen. Sie verkörpert den gesunden Gegensatz zu der ihr im Tarotspiel folgenden Karte des Teufels (XV), der das Unmaß darstellt. Harmonie, Ausgeglichenheit, Gelassenheit und Seelenfriede sind dagegen die wesentlichen Merkmale, die die Mäßigkeit charakterisieren. Damit zeigt diese Karte das beglückende Erleben, gesund und in unserer Mitte zu sein, gut mit uns umzugehen, uns selbst zu mögen, uns in Ruhe zu lassen und aus dieser Haltung heraus auch im harmonischen Einklang mit unserem Umfeld zu sein. Auf einer tiefen Ebene zeigt sich in dieser Karte der Seelenführer und damit ein inneres Wissen, dass uns gerade in schwierigsten Situationen den richtigen Weg weist
   Von allen Karten des Tarots lässt sich der Teufel (seiner Natur entsprechend) am schwersten erfassen, da er für jeden ein eigenes Gesicht trägt. Das Gemeinsame der von ihm gekennzeichneten Erfahrungen ist vor allem das Erleben von Abhängigkeit, Willenlosigkeit, das Scheitern guter Vorsätze sowie Handlungsweisen, die gegen die eigenen Überzeugungen verstoßen. Der Teufel entspricht der dunklen Seite vieler Tarotkarten: Gegenüber dem Magier (I) ist er der Schwarzmagier. Er ist Teil der dunklen Seite der Hohenpriesterin (II), das scheinheilige und den Materialismus verkündende Gegenprinzip zum Hohenpriester (V), die zu Machtkampf oder seelenloser Lüsternheit verkümmerte Seite der Liebenden (VI), der bestechliche oder selbstgerechte Schatten der Gerechtigkeit (VIII). Er verkörpert die ungezügelte Gier der Kraft (XI), die Maßlosigkeit im Gegensatz zum rechten Maß (XIV) und ist Herrscher über weite Teile der Mondlandschaft (XVIII). Als Versucher erscheint uns der Teufel natürlich in aller Regel in einer verlockenden Form. Die Karte zeigt, dass wir mit dem Feuer spielen und höllisch (!) aufpassen müssen, uns dabei nicht die Finger zu verbrennen. Auf einer tiefen Ebene bedeutet sie, dass wir im Umfeld der Frage mit unserer Schattenseite in Berührung kommen
   Der Turm zeigt, dass wir uns in einem Bereich vermeintlicher Sicherheit eingemauert haben, der plötzlich ins Wanken gerät. Dabei handelt es sich durchweg um Strukturen, die uns zu klein und zu eng geworden sind. Davon können Überzeugungen und Lebensgrundsätze ebenso betroffen sein wie unser Sicherheitsdenken in beruflicher und finanzieller Hinsicht und nicht zuletzt auch persönliche Freundschaften und andere Kontakte. In allen Fällen steht der Turm für ein Konzept, dass uns früher einmal in wohltuendem Maße Sicherheit, vielleicht auch Geborgenheit gab, dem wir nun aber entwachsen sind. In der Regel sind es überraschende Erfahrungen, manchmal auch wahre Geistesblitze, die das alte Konzept zusammenbrechen lassen. Da es dabei um die vermeintliche Basis unserer Sicherheit geht, werden diese plötzlichen Veränderungen zunächst häufig als Katastrophe erlebt. Erst wenn der erste Schock überwunden ist, spüren wir erleichtert, dass wir nur von altem Ballast befreit wurden. Dieser Durchbruch kann sowohl durch eigene Erkenntnis als auch durch ein äußeres Ereignis ausgelöst werden. Das I Ging sagt dazu: «Das Gewitter mit Donner und Blitz überwindet die störende Spannung in der Natur.
   Der Stern ist die Karte der Hoffnung, der Weisheit und des Einblicks in höhere Zusammenhänge. Er zeigt, dass wir Dinge planen oder beginnen, die weit in die Zukunft reichen und in deren positiven Verlauf wir berechtigte Hoffnungen setzen dürfen. Dabei sind wir uns häufig in diesem Frühstadium der weittragenden Wirkung unseres Handelns noch gar nicht bewusst. Erst der Rückblick macht uns klar, welche entscheidenden Weichen in den Zeiten gestellt wurden, die durch den Stern gekennzeichnet sind. Ähnlich wie bei der Saat bedarf es einiger Zeit, um die fruchtbare Auswirkung der Handlung zu erkennen. In der traditionellen Deutung wurde der Stern als eine der drei Schutzkarten angesehen, die das erfolgreiche Gelingen verkünden.
   Die Mondkarte führt uns in den geheimnisvollen Bereich des Dunklen und der Nacht. Sie steht für die Bilderwelt der Seele, für unsere Ahnungen, Sehnsüchte und Träume. Die helle Seite des Mondes bedeutet daher romantische Träumereien, lebhafte Phantasie und starkes Empfindungsvermögen. In der Regel jedoch zeigt diese Karte die dunkle Nachtseite des Mondes, die Abgründe unserer Seele. Sie steht damit für Ängste, Unsicherheit, Alpträume und andere dunkle Ahnungen, die uns bedrücken. Diese Stimmung wird am besten deutlich, wenn wir uns vorstellen, nachts durch einen einsamen Wald zu gehen, den wir bei Tage unbesorgt durchqueren, der uns aber im Dunkeln das Fürchten lehrt, auch wenn wir genau wissen, dass dort keine realen Gefahren auf uns lauern. Die Karte zeigt das Grauen vor dem Unsichtbaren und Unheimlichen, den Dämonen der Alten, die in unserer aufgeklärten Zeit neue Namen erhielten: Bakterien, Viren, Millirem, Glykol, verbleite Luft, saurer Regen und Bekarel. Auf einer tiefen Ebene steht sie für die Angstschwelle, die es zu überwinden gilt, weil sich dahinter eine weite Welt neuer und bereichernder Erfahrungen eröffnet.
   Die Sonnenkarte ist Ausdruck von großer Lebensfreude, Vitalität, Wärme und Zuversicht. Sie steht auch für die erhellenden Kräfte des Bewusstseins, mit denen wir zur Klarheit gelangen und Sorgen, Irritationen und unheimliche Ängste überwinden. Darüber hinaus ist sie Sinnbild jugendlicher Frische und des Gefühls wie neugeboren zu sein. Sie kennzeichnet die Sonnenseite des Lebens. Sie fordert auf, die Dunkelheit zu überwinden und unsere Sonnennatur zur Entfaltung zu bringen. Auf einer tieferen Ebene ist sie Symbol des weisen Menschen, der zu einer ursprünglichen, schlichten und unbekümmerten Lebensweise zurück gefunden hat.
   Die Karte das Gericht wird leicht falsch verstanden, wenn man sich vom Namen der Karte leiten lässt. Gericht, insbesondere das hier gemeinte Jüngste Gericht, wird von uns in erster Linie mit Bestrafung, Verdammnis und daher mit Angst und Schrecken in Verbindung gebracht. Die Bedeutung einer Karte kann aber immer nur dem Bild und den dahinterliegenden seelischen und mythologischen Bildern entnommen werden. Die hier dargestellte Auferstehung zeigt das ergreifende Erlebnis der Erlösung und der Befreiung dessen, was zuvor verschüttet oder gefangen war, sie zeigt, dass das Wahre, das Göttliche dem dunklen Kerker entsteigt und ans Licht kommt. Damit hat diese Karte eine durch und durch beglückende Bedeutung und zeigt den entscheidenden Schritt zur Selbstwerdung, den gelungenen Prozess alchimistischer Wandlung, der aus dem Niederen das Höhere werden ließ. Auf einer mehr alltäglichen Ebene bedeutet diese Karte die Erlösung von Sorgen und Nöten, von Hemmungen und Scheu und die Befreiung aus undankbaren Situationen und Verbindungen. Sie kann ferner ein Hinweis sein, dass im Umfeld dieser Karte unser »Schatz« liegt.
   Die Welt zeigt die wiedergefundene Einheit, das Erleben größter Harmonie und den höchst erfreulichen Ausgang einer Entwicklung. Im äußeren Erleben heißt das, dass wir unseren Platz gefunden haben, eben den Platz, an den wir gehören. Auf der Ebene einer inneren Erfahrung zeigt die Karte, dass wir einen bedeutenden, vielleicht sogar den entscheidenden Schritt zur Selbstwerdung, zu wahrer Authentizität und Ganzheit gemacht haben. Auf der Ereignisebene steht sie für glückliche Zeiten, in denen wir offen und voller Lebendigkeit am richtigen Ort das richtige tun und unser Dasein genießen.

 

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